Der Achtsamkeitspionier Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn definiert Achtsamkeit als eine bewusste, präsente und nicht wertende Aufmerksamkeit. Wir alle verfügen über diese Fähigkeit, können sie jedoch im Alltag häufig nicht abrufen, da wir uns durch ständige Erreichbarkeit, wachsende Informationsflut, Termindruck und Überforderung gestresst fühlen. Doch genauso wie wir die Muskulatur des Körpers trainieren können, kann auch die Fähigkeit der Achtsamkeit trainiert werden. Studien aus der Sportwissenschaft, Neurowissenschaft und Psychologie zeigen, dass tägliche Achtsamkeits-interventionen schon nach sechs Wochen einen positiven Effekt auf das Selbstbewusstsein, die Konzentrationsfähigkeit, die Emotionsregulation und den Umgang mit negativen Gedanken sowie mit Stresssituationen haben. Achtsamkeit ist der weltanschaulich neutrale Begriff für Meditation und wird bereits von führenden Unternehmen zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Förderung der geistigen Gesundheit eingesetzt. Denn Achtsamkeit ist der Gegenpol zu Stress, welcher von der Weltgesundheitsorganisation als „Volksseuche des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wird.

Laut Studien fühlen sich in Deutschland 60 Prozent der Bevölkerung gestresst. Stress ist erstmal nichts Schlechtes und kann unter anderem leistungsfördernd wirken. In der menschlichen Evolution half die Stressreaktion das eigene Überleben zu schützen. Wenn eine Bedrohung durch Wildtiere wahrgenommen wurde, aktivierte der Mensch alle Ressourcen des Körpers, um das eigene Überleben zu schützen. Hormone wie Adrenalin wurden ausgeschüttet, der Herzschlag und die Atmung beschleunigten sich, Blut wurde in die großen Muskelgruppen geleitet und die Verdauung und das logische Denken wurden gehemmt. So wurde der Körper auf den Kampf-oder-Flucht-Reflex vorbereitet, mit dessen Hilfe er der Bedrohung entgehen konnte. Heute läuft die selbe körperliche Reaktion ab, wenn wir mit dem Auto im Stau stehen, vom Vorgesetzten zum Gespräch eingeladen werden oder nach dem Urlaub hunderte von Mails im Posteingang finden. Da nach der Stressreaktion meist keine körperliche Betätigung folgt, stauen sich die Stresshormone im Körper an. Langfristig verursacht angestauter Stress viele Krankheiten wie: Bluthochdruck, Herz- Kreislauferkrankungen, Rückenschmerzen, Magengeschwüre, Schlafstörungen, Asthma, chronische Kopfschmerzen, Depressionen oder Burnout.

Bist du gestresst? Bist du so damit beschäftigt, in die Zukunft zu gelangen, dass die Gegenwart zum reinen Mittel geworden ist, dort anzukommen? Stress wird verursacht, wenn du „hier“ bist, aber „dort“ sein willst, wenn du in der Gegenwart lebst, und dich in die Zukunft wünschst. Das ist eine Spaltung, die uns innerlich zerreißt. Eine solche Spaltung zu schaffen und mit ihr zu leben, ist verrückt. Die Tatsache, dass es jeder tut, lässt es nicht weniger verrückt sein.

Achtsamkeit ist der Gegenpol zu Stress und das wirksamste Mittel für die eigene Gesundheit und Zufriedenheit. Denn achtsam zu sein, bedeutet, dass die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt gelenkt wird, wodurch alle Sorgen um Vergangenheit und Zukunft losgelassen werden. Zudem ist es durch Achtsamkeitsübungen möglich, die eigenen Stoffwechselaktivitäten bewusst runterzufahren. In dieser Verschnaufpause ist es dem Körper möglich angestauten Stress zu abzubauen, welcher sich in den letzten Stunden, Tagen, Monaten oder Jahren angestaut hat. Durch die regenerative Verschnaufpause ist es dem Meschen möglich wieder zu Kräften zu kommen.

Achtsamkeit wirkt dabei zwei bis fünfmal so stark wie die Regeneration, welche wir durch den Schlaf erlangen. Dies ist einer der Gründe, weshalb Meditation, als neues „Kaffee trinken“ bezeichnet wird. Das Problem bei Kaffee: das Koffein blockiert die Rezeptoren des schlafinduzierenden Botenstoff Adenosin, wodurch die natürliche Müdigkeit gehemmt wird. Der Erschöpfungszustand verschiebt sich so um drei bis vier Stunden. Durch Meditation wird der eigene Stoffwechsel auf ein Minimum heruntergefahren, wodurch auf natürlichem Weg körpereigene Kraftreserven freigesetzt werden. Körper und Geist können in dieser Zeit Energie tanken und sind so wieder wacher und aufmerksamer. Dies kann beispielsweise durch Praxisübungen wie der Sitzmeditation, dem achtsamen Innehalten oder dem Body-Scan trainiert werden. Das langfristige Ziel ist es, am Tag fünfzehn Minuten mit sich selbst zu verbringen, was ungefähr ein Prozent des Tages ausmacht.

Die Kontaktaufnahme zu sich selbst, kann als geistige Hygiene betrachtet werden. Dabei wird der Blick immer wieder nach innen gelenkt, um die eigenen Geistestätigkeiten bewusst zu erforschen: Was beschäftigt mich gerade, wie fühle ich mich in diesem Moment, was spüre ich jetzt. Alle wahrgenommen Empfindungen werden mit Akzeptanz wahrgenommen und wieder losgelassen. Durch achtwöchige Trainings kann in einer Gruppe erlernt werden, die Achtsamkeit in den Alltag zu implementieren, sodass die Achtsamkeitsübungen so selbstverständlich werden, wie das tägliche Zähne putzen.