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Kantine – das heißt, sich locker und ungezwungen auf Augenhöhe austauschen und auch mal Probleme auf dem kurzen Dienstweg lösen. Doch was, wenn die firmeneigene Kantine plötzlich vor dem Aus steht? Bianca Spelleken, Betriebsratsvorsitzende bei Grillo und Verwaltungsratsmitglied der BERGISCHEN, überlegte nicht lange, sondern packte an. Denn bei Grillo, der BERGISCHEN und im Revier ist Engagement Herzenssache: Wenn dir etwas wichtig ist, dann setzt du dich dafür ein.
von Carolin Kubo
Manchmal kommt es Schlag auf Schlag. Für die Betriebsratsvorsitzende der Grillo AG war der notwendige Personalabbau im Sommer 2025 schwer zu verkraften. Bianca Spelleken fühlte mit den Mitarbeitenden, kannte aber auch die Misere des Unternehmens: die klassische zwischen-den-Stühlen-Situation des Personalrats. Doch dann kam die nächste Hiobsbotschaft: Die Kündigungen betrafen auch das Küchenpersonal. Die Kantine, Herzstück des sozialen Austauschs im Unternehmen, musste schließen.
Für Spelleken, die seit ihrer Ausbildung in den 1990ern im Unternehmen ist, war das eine kleine Katastrophe. Sie erzählt, wie bei einem Gespräch mit dem Firmenchef Ulrich Grillo das Gespräch darauf kam: „Ich meinte spontan, ‚Ach wissen Sie was – ich mache die Kantine einfach wieder auf.‘ Da hat er gelacht.“ Einige Wochen später liefen sich die beiden wieder über den Weg, und Grillo erinnerte sie an ihren Plan. Spelleken erzählt: „Er meinte: ,Frau Spelleken, was ist jetzt – Sie wollten die Kantine doch wieder eröffnen!‘ Da habe ich gefragt: ,Soll ich?‘ und er meinte: ,Ich finde die Idee ganz charmant.‘ – ,Ja‘, habe ich gesagt, ,dann mache ich das wohl.‘“
Sie ging ins Betriebsratsgremium fragte an, wer mitmachen würde. Vier Hände gingen hoch. Aus einer spontanen Idee wurde ein gemeinsames Projekt.
„Gemeinsam haben wir überlegt: Was brauchen wir, wie gehen wir die ganze Geschichte an? Und dann haben wir Kontakt zu einem Notar aufgenommen“, erzählt Spelleken. Während die Verträge aufgesetzt wurden, suchten die Gesellschafter im Firmenumfeld und im Bekanntenkreis nach geeigneten Kolleginnen für die Kantine.
„Wir sind relativ blauäugig in die Situation hineingegangen“, resümiert die Initiatorin heute. „Aber wir haben uns gedacht: Was kann schon passieren? Leben am Limit macht uns Spaß.“
Der Satz sollte schneller Realität werden als gedacht. Seit August 2025 war die Kantine geschlossen gewesen, für den 5. Januar 2026 war die Eröffnung geplant. Den letzten Winterurlaub vor der Eröffnung verbrachten sie und ihre Kollegen mit Streichen und den letzten Anpassungen für die neue Kantine. Und dann, am 2. Weihnachtstag, Spelleken saß gerade beim Weihnachtsessen, klingelte ihr Telefon. Am anderen Ende ein Wachmann: „Bianca! Große Scheiße! Du musst sofort in die Kantine kommen. Wasserschaden! Alles kommt durch die Decke! Du kannst nicht eröffnen!“
Mit-Gesellschafter Frank Förster, der Techniker im Team, erinnert sich mit einem Schaudern: „Das waren richtige Wassermassen, nicht so wie zu Hause! Und dann im Winter mit den ganzen Versorgungsleitungen in der Decke … wir hatten Frostschäden, und das Wasser lief bis unten in der Werkstatt. Die ganze Instandhaltung, die Lehrwerkstatt, die Werksfeuerwehr – nicht nur die Kantine, das ganze Gebäude stand unter Wasser!“ Eine Katastrophe. Nur die Küche war verschont geblieben. „Das war Glück im Unglück“, sind die beiden sich einig.
Eröffnet wurde dann doch. „Alle haben mit angepackt und wir konnten tatsächlich den Zeitplan halten, genauso wie wir uns das vorgestellt hatten“, berichtet Spelleken. Nur eben mit einer provisorischen Theke und ohne Deckenlampen. Ein Kraftakt für alle Beteiligten.
Nicht nur in dieser Situation zeigte sich, wie gut es ist, dass im Team der Gesellschafter ganz unterschiedliche Stärken und Erfahrungen zusammenkommen. „Man braucht da Leute, die ein breites Spektrum abdecken“, findet Spelleken. Frank Förster beispielsweise kommt aus der Instandhaltung. Der 57-Jährige ist für alles Handwerkliche zuständig. Seine zweite Stärke sind Kontakte: „Ich bin seit 41 Jahren im Betrieb – da kennt man alle!“, lacht er.
„Wir versuchen, unsere Funktionen nach den jeweiligen Stärken und Schwächen zu verteilen“, formuliert die Kantinenmacherin. Sie selbst übernimmt weitestgehend den Einkauf, Werbung, Flyer und Preislisten. Eine andere Kollegin ist gut darin, mit dem Finanzamt umzugehen. Die anderen bringen sich da ein, wo Hilfe benötigt wird. „Wir sind keine Kollegen, sondern Freunde“, betont Spelleken.
„Für die Gesellschafter war von Anfang an immer klar, dass wir keinen Gewinn erzielen wollen“, konstatiert Bianca Spelleken. „Wir haben keinen eigenen Vorteil von dem Projekt – im Gegenteil, wir verbringen unsere Wochenenden häufig in der Metro und müssen uns auch untereinander viel absprechen. Das ist viel Aufwand. Ich habe mal nachgerechnet: Vor zwei Wochen waren es zweihundert Kilo, die ich aus der Metro hierher gebracht habe – mit meinem eigenen Pkw. Hier habe ich es alles selbst in den Aufzug gepackt und in die Regale verfrachtet, damit meine Mitarbeiterinnen den Rücken frei haben für ihre eigentlichen Aufgaben.“ „Und die Bürokratie macht uns auch einige Gedanken“, ergänzt Förster.
Was treibt die beiden und ihre Mitstreiter an? Darauf hat Spelleken eine klare Antwort: „Wir machen das nicht für uns, sondern für die Belegschaft – weil wir der Meinung sind, dass ein gutes Unternehmen auch eine gut funktionierende Kantine braucht.“
Das gilt für die Grillowerke ganz besonders. Denn das Unternehmen, ursprünglich eine Einheit, wurde irgendwann gesplittet: Heute besteht es aus der Chemicals GmbH, der Metals GmbH und der Grillowerke AG. „Jeder nutzt die Kantine“, konstatiert die erfahrene Grillo-Mitarbeiterin Spelleken, „auch der Vorstand. Die einzelnen Bereiche, die Chemie, das Metallwerk und die Verwaltung, haben sich auch früher schon hier getroffen, zusammen am Tisch gesessen und sich auch über Probleme unterhalten. Die haben sonst nicht so viele Berührungspunkte – und wo kann man sich besser austauschen als beim Essen? Da trifft man sich auf relativ neutralem Boden, man redet übers Wochenende, über familiäre Themen, aber man trifft auch mal eben beim Essen eine Entscheidung ohne viel Bürokratie."
Die Kantine ist eben mehr als nur ein Ort, an dem gegessen wird. Sie bringt Menschen zusammen. Hier entsteht echte Nähe – unkompliziert, auf Augenhöhe und manchmal ganz nebenbei. Für Spelleken war genau das das Ziel des Projekts: „Wir wollten wieder enger zusammenrücken.“
„Wir bieten ein gutes Frühstücksangebot und ein gutes, frisch gekochtes Mittagessen – abwechslungsreich, aber mit ständigen Alternativen“, schildert Spelleken. Morgens belegen die Mitarbeiterinnen frische Brötchen und Baguettes und ergänzen das Angebot um Highlights wie frische duftende Waffeln. Currywurst, Schnitzel und Frikadellen sind immer im Angebot. Dazu kommt ein täglich wechselndes Mittagessen.
„Die Mädels sind kreativ, sie lassen sich immer besondere Sachen einfallen", schwärmt Spelleken. Auch solche, die ihr selbst – die im Ruf steht, eine schwierige Esserin zu sein – nicht immer gefallen. Manchmal ist das Küchenteam überrascht, was gut funktioniert. „Milchreis mit Zucker und Zimt“ – Spelleken und Förster schütteln sich, Redakteurin und Fotograf bekommen hungrige Augen – „da dachten wir, das isst doch kein Mensch! Und dann hatten es plötzlich alle auf dem Teller“, lacht die resolute Frau. Auch Eintöpfe und Kohlgerichte laufen immer sehr gut. Und die Nachfrage nach Pommes ist groß. Außerdem, verspricht Spelleken: „Bei uns können Mitarbeiter sich auch etwas wünschen – wir versuchen, alle abzuholen.“
„Für uns ist die Schwierigkeit, beim Preis die Waage zu halten zwischen dem, was wir verlangen müssten, und dem, wie günstig wir es gerne machen wollen“, sinniert die zupackende Frau. Auch Förster bedauert das: „Wir können nicht mehr die Preise anbieten wie früher, wo ein Mittagessen einen Euro kostete“ – nicht zuletzt dank der Subventionen durch die Familie Grillo.
Trotzdem hält Spelleken am sozialen Anspruch fest: „Wir wollen eine Kantine sein, in der jeder essen kann. Das teuerste Gericht auf unserer Karte kostet neun Euro, vieles ist auch deutlich günstiger. Das Essen ist reichhaltig – Montags ist zum Beispiel Suppentag, und wenn es eine Fleischeinlage gibt, achten wir darauf, dass da ordentlich Fleisch drin ist. Und die Portionen sind großzügig.“
Die Mitarbeiter können das Essen auch mit nach Hause nehmen. „Das mache ich auch“, sagt die Kantinenchefin, „und oft würde mir und meinem Mann auch zusammen eine Portion reichen, die wir uns teilen.“
„Wir haben uns ein Jahr gegeben, um zu gucken, wie es funktioniert“, sagt Spelleken und ergänzt mit fester Stimme: „Wenn es gar nicht funktioniert, dann lassen wir es.“
Das Ende ist noch offen, nachsteuern musste das Team bereits. „Wir haben im Januar eröffnet und um Mai, Juni herum haben wir gesehen: Das geht so nicht. Kantine ist teuer. Ich persönlich habe unter anderem die Personalkosten völlig unterschätzt.“ Sich in der Konsequenz von einer Mitarbeiterin zu trennen, war schmerzhaft für sie: „Da blutet einem das Herz, und ich habe endlich verstanden, in welcher Bredouille unser Geschäftsführer manchmal in solchen Situationen ist.“ Das war eine wichtige Erfahrung für sie als Betriebsratsvorsitzende. „Es gibt einem ein ganz anderes Feeling für Entscheidungen, die getroffen werden.“
Auch das ursprünglich angedachte Businesskonzept ließ sich nicht verwirklichen, gibt sie zu. „Unser Plan war, umliegende Betriebe in der Nachbarschaft mit zu bewirten. Denen haben wir angeboten, frisch gekochtes Essen zu liefern – aber sie springen darauf leider nicht an." Auf dem Firmengelände können sie keine Fremden bewirten. Das liege an den Sicherheitsmaßnahmen, begründet sie: „Wir sind ein Störfallbetrieb. Da kann nicht jeder rein und raus, weil es gefährlich sein könnte.“ Davon kann Spelleken selbst ein Lied singen – doch dazu später.
Also suchten sie nach einer anderen Lösung. Und fanden sie im eigenen Umfeld – bei den vielen pflegebedürftigen Eltern in ihrem Umfeld, deren Versorgung die Familien stark fordert. Nun fährt Spelleken nach Feierabend noch eine Runde und liefert Essen an die Senioren aus. Die, die sie kennen, können sich die Mahlzeiten auch zeitlich unabhängig aus einem Kühlschrank in ihrem Garten abholen. Ihr Fazit: „Der Weg entsteht beim Gehen und wir wachsen daran.“
Dass Spelleken das Kantinenprojekt einfach so aus dem Boden gestampft hat, passt gut in ihre Geschichte. Nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau bei Grillo vor rund 30 Jahren entwickelte sie sich im Unternehmen immer weiter, arbeitete zunächst im Verkauf Metall und wechselte dann ins Versandbüro Metall. Innerhalb dieser Zeit hatte sie einen sehr schweren Arbeitsunfall. „Ein Gabelstaplerfahrer, der eine Tonne 400°C heiße Zinkplatten auf der Gabel hatte, hat mich zu spät gesehen“, erzählt sie. „Gott sei Dank hat er geistesgegenwärtig die Gabel fallen lassen, woraufhin allerdings die Zinkplatten von der Gabel gerutscht sind und ich mit einem Bein drunterlag.” Sie verlor ein Stück ihrer Wade und musste für lange Jahre ganz auf Sport verzichten.
In dieser Situation wurde ihr klar, wie wichtig der werksärztliche Dienst ist. Und als die Position neu zu besetzen war, bewarb sie sich darauf. „Bevor ich die Stelle antrat, habe ich mich zusätzlich noch zur betrieblichen Suchtkrankenkhelferin ausbilden lassen.” Eine Aufgabe, die sie sich inzwischen mit dem Kollegen Förster teilt. Daneben gibt es noch einen Stamm von Betriebssanitätern und Ersthelfern – der Betrieb achte akribisch darauf, dass es von denen immer genug gebe, betont sie.
Zusätzlich engagierte sich Spelleken im Betriebsrat und wurde schließlich stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Als der damalige Vorsitzende schwer erkrankte, übernahm sie kommissarisch seine Vertretung. „Wir haben wir ihn bis zu seinem Tod stark unterstützt – als soziales Gremium gehen wir alle Wege mit”, formuliert Spelleken, und in ihrer Stimme schwingt Trauer mit. Nach dem Tod des Vorsitzenden wurde sie zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt und ist heute zusätzlich Konzernbetriebsratsvorsitzende und Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat. Und nebenbei mischt sie noch als Delegierte im Ortsvorstand der Duisburger IG Metall mit. Und ist auch noch ehrenamtliche Richterin.
„Es ist nicht so, dass mein Leben ohne die Kantine langweilig gewesen wäre“, lacht Spelleken. „Ich habe dann auch noch eine Familie – eine 26-jährige Tochter, die noch zu Hause wohnt und studiert, und einen sehr lieben Ehemann, der hier lange Jahre Ausbilder war.“ Viele Jahre hat sie Handball gespielt und war leidenschaftliche Reiterin. „Das ist leider beides der Verbrennung zum Opfer gefallen. Aber so langsam entwickle ich wieder eine Leidenschaft für Sport. Das brauche ich auch als Ausgleich für den Kopf“, konstatiert sie. Und wenn sie sagt, „Ich mag gerne viel Trubel um mich herum. Und ich mag gerne Dinge anfassen“ – dann überrascht das wahrscheinlich niemanden mehr.
Nicht zu vergessen: Spelleken sitzt auch im Verwaltungsrat der BERGISCHEN. „Als die BKK Grillo, unsere Betriebskrankenkasse hier vor Ort, mit der BERGISCHEN zusammenging, sollte eine Arbeitnehmervertreterin von uns in den Verwaltungsrat gehen. Da war ich als Betriebsratsvorsitzende prädestiniert“, fasst sie die Geschichte zusammen.
Dass nach der Fusion nicht alles sofort reibungslos lief, überrascht nicht. Die BERGISCHE war im Vergleich zur BKK Grillo ein großes Unternehmen, die Arbeitsweisen waren teilweise unterschiedlich. Für die Versicherten bedeutete das auch eine Umstellung: Statt mal eben auf dem Werksgelände bei den bekannten Kollegen aus der Betriebskrankenkasse vorbeizugehen, musste man sich plötzlich überwinden und anrufen. Aber bald schon hatten alle die Erfahrung gemacht, dass das keine Warteschleifen und endlose Suche nach dem richtigen Ansprechpartner bedeutete. In der Regel war beim neuen Krankenkassenpartner schnell die richtige Person in der Leitung und konnte die Angelegenheit lösen. Das half.
„Wenn es irgendwo Sand im Getriebe gab, habe ich bei der BERGISCHEN angerufen, erklärt, was das Problem ist und was wir von hier kennen – und versucht, ein gewisses Verständnis aufzubauen. Oft war es dann so, dass man aufseiten der BERGISCHEN die Dinge nochmal beratschlagt hat und aufeinander zugegangen ist“, schildert die Duisburgerin zufrieden.
Die Kommunikation und Transparenz im Verwaltungsrat der BERGISCHEN fand sie immer sehr hilfreich, erzählt die Industriekauffrau. „Ich weiß noch, dass ich vor meiner ersten Verwaltungsrats-Sitzung höllisch aufgeregt war. Bei der BKK Grillo war ich zwar auch im Verwaltungsrat, aber die kannte ich ja alle! Und als es dann hieß, jetzt hast du deinen ersten Termin bei der BERGISCHEN in Solingen, da dachte ich mir: Ach du dicker Donner, was erwartet mich denn da?“ Die Antwort ist: eine Überraschung. „Ich bin noch nie in meinem Leben so herzlich aufgenommen und so supportet worden. Die von der BERGISCHEN sind auch heute noch sehr geduldig mit mir. Zum Beispiel dann, wenn es mal wieder mit der Technik hakt“, lacht die 49-Jährige.
Mit der aktuellen Gesundheitspolitik ist sie weniger zufrieden. „Ich persönlich finde die Idee der Regierung, die Anzahl der Krankenkassen zu reduzieren, nicht gut“, kritisiert sie. „Jede Krankenkasse für sich hat Vor- und Nachteile, und das zu reduzieren, ist nicht zielführend. Ich bin bei der BERGISCHEN versichert, meine Familie auch, und was die da anbieten, finde ich richtig und gut so. Auch bei unseren Auszubilden achten wir darauf, dass wir die nach Möglichkeit bei unserer Krankenkasse versichern.“ „Unsere Krankenkasse“ sage sie bewusst, betont die ehemalige Grillo-Versicherte: „Weil ich die BERGISCHE eben als unsere Kasse empfinde.“