Einheitskasse für Deutschland:

Todesurteil für Service und Qualität

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Immer lauter wird der Ruf nach einer einzigen „Krankenkasse für Deutschland“. Sie wird als vermeintliches Mittel gegen Bürokratie und steigende Kosten dargestellt. Doch kann ein solches Modell diese Erwartungen wirklich erfüllen? Und könnt ihr, liebe Versicherte, das ernsthaft wollen?! Auf den ersten Blick erscheint das Prinzip einfach: ein Beitragssatz, weniger Verwaltung, gebündelte finanzielle Mittel. Im Gespräch mit Sabine Stamm, Vorständin der BERGISCHEN KRANKENKASSE, wird deutlich, warum die Idee nachvollziehbar erscheint, aber keine tragfähige Lösung für die aktuellen Herausforderungen bietet.

von Michael Ganter

 

Warum die Idee einer Einheitskasse attraktiv wirkt

Die Befürworter sprechen reale Sorgen der Versicherten an: Wie sicher ist die Zukunft des bestehenden Gesundheitssystems? Ist eine langfristige Finanzierbarkeit gewährleistet? Immerhin war der im November von der Gesundheitsministerin angekündigte durchschnittliche Zusatzbeitragssatz von 2,9 % schon im Januar Makulatur. „Der Wunsch nach einfachen Antworten auf diese Fragen ist verständlich. Aber eine Einheitskasse wird die Kostenprobleme im Gesundheitssystem nicht lösen“, sagt Sabine Stamm, Alleinvorständin der BERGISCHEN Krankenkasse. In der öffentlichen Debatte wird viel über Verwaltungskosten, Vorstandsgehälter oder Dienstwagen gesprochen. Tatsächlich machen die Verwaltungskosten weniger als zehn Prozent der Gesamtausgaben der Krankenkassen aus. Auch von exorbitanten Vorstandsgehältern kann keine Rede sein. Diese sind seit Jahren gesetzlich gedeckelt und unterliegen der Zustimmung der Aufsicht. Stamm entlarvt das Thema als eine Scheindebatte: „Diese Diskussion lenkt von den eigentlichen Problemen ab. Die großen Kostentreiber liegen nicht in der Verwaltung, sondern in den Leistungsausgaben.“

Wo die Kosten wirklich entstehen

Die wahren Ursachen für die steigenden Ausgaben liegen vor allem in den medizinischen Leistungen. Sie machen den größten Teil der Kosten von Krankenkassen aus. Krankenhausaufenthalte, ärztliche Behandlungen und Arzneimittel werden immer teurer, während die Beitragseinnahmen nicht im gleichen Maße steigen. Hinzu kommen der demografische Wandel, eine zunehmende Zahl chronisch Erkrankter sowie neue, medizinisch hochwirksame, aber sehr teure Therapien. „Auch eine Einheitskasse braucht Personal. Krankheiten werden nicht weniger und Menschen nicht gesünder, nur weil man Krankenkassen zusammenlegt. Der große Kostenblock bleibt also bestehen. Vor allem, wenn einzelne neue Medikamente mehrere Millionen Euro pro Behandlung kosten, entsteht eine Schieflage. Hier wird mit Krankheit Profit gemacht“, erklärt Stamm.

Wahlfreiheit als tragende Säule des Systems

Ein wesentlicher Unterschied zwischen einer Einheitskasse und dem heutigen System ist die Wahlfreiheit der Versicherten. Aktuell können sie eine Krankenkasse wählen, die zu ihrer persönlichen Lebenssituation passt. Denn anders als viele glauben, haben die Krankenkassen einigen Spielraum bei der Gestaltung ihrer freiwilligen Leistungen. Versicherte der BERGISCHEN wissen das, weil sie vielfach profitieren – von Erstattungen für Vorsorgeuntersuchungen und Präventionskursen, von attraktiven Prämien im Bonusprogramm, vom hohen Zuschuss für die Professionelle Zahnreinigung und von persönlicher Nähe, die diesen Namen verdient: in den Kundenzentren, am Telefon und mit echten Menschen als feste Ansprechpartner statt Computerstimmen. Andere Kassen sparen sich das, verzichten auf Service und verärgern ihre Kunden mit mangelnder Qualität. „Wahlfreiheit ist kein Beiwerk. Sie ist ein zentrales Element eines solidarischen Systems und stärkt die Verantwortung der Krankenkassen gegenüber ihren Versicherten. Versicherte sind keine anonymen Beitragszahler, sie müssen ernst genommen werden. Denn wer als Krankenkasse im Wettbewerb gewählt werden möchte, muss durch Qualität, Service und Verlässlichkeit überzeugen. Dieser Anreiz würde in einem zentralisierten System vollständig verloren gehen. Neue digitale Services, Präventionsangebote oder innovative Versorgungsmodelle entstehen oft dort, wo Krankenkassen im direkten Austausch mit ihren Versicherten stehen, und dort, wo persönliche Beratung und verlässliche Begleitung gebraucht werden. Wettbewerb ist also ein Ansporn, selbst besser zu werden“, erläutert Stamm.

Reformen müssen dort ansetzen, wo die Ursachen liegen

Dass das Gesundheitssystem vor großen Herausforderungen steht, stellt auch Sabine Stamm nicht infrage. Reformen seien notwendig, müssten jedoch an den richtigen Stellen ansetzen. Zuvorderst dort, wo der Staat seine Pflicht nicht erfüllt: „Die Krankenkassen tragen einen erheblichen Teil der Kosten für Grundsicherungsempfänger. Gesetzlich ist das die Aufgabe des Staates, doch der zahlt seine Zeche nicht“, merkt sie an. Der GKV-Spitzenverband hat im Namen der gesetzlichen Kassen eine Klage gegen die Bundesregierung eingereicht. „Sie soll endlich die jährlich rund 10 Milliarden Euro hohe Unterfinanzierung beenden, die gesetzwidrig ist und die Kassen in den Ruin treibt. Am Ende zahlen vor allem die gesetzlich Versicherten diese Lücke. Privat Versicherte oder andere Systeme sind daran nicht beteiligt. Das ist eine klare Ungerechtigkeit“, so Stamm.

Doch die Vorständin sieht die aktuelle Situation auch als Chance. Gemeinsam könnten die Akteure im Gesundheitssystem Verbesserungen herbeiführen: „Wenn sich z. B. die Pharmaindustrie, die Krankenhäuser und Krankenkassen konstruktiv an einen Tisch setzen und überlegen würden, was wirklich für die Menschen gut ist, und nicht nur nach Gewinnmaximierung streben, dann könnte vieles besser werden. Einsparpotenziale würden genutzt, ohne dass die Versorgung leidet. Das wäre ein großer Gewinn für uns alle“, appelliert sie nachdrücklich an alle Beteiligten.

Solidarität mit unseren Versicherten

Die BERGISCHE beteiligt sich an der Klage des GKV-Spitzenverbands, um die Unterfinanzierung gerichtlich prüfen zu lassen. Ziel ist eine gerechtere Finanzierung, von der alle gesetzlich Versicherten direkt profitieren.  Mehr dazu erfährst du auf www.bergische-krankenkasse.de/klage.

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